Gerhard Marcks gehört zu den wichtigsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. In 75 Jahren künstlerischen Schaffens entstand ein reiches und konsistentes Werk. In dem 1971 eröffneten Gerhard-Marcks-Haus wird ein Großteil seines künstlerischen Nachlasses verwahrt: 425 Skulpturen, 15.000 Zeichnungen und mehr als 1.000 Blatt Druckgrafik.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1889 | Am 18. Februar als Sohn eines Kaufmanns in Berlin am Kurfürstendamm geboren |
| 1907 | Nach dem Abitur: Beginn der Tierstudien im Berliner Zoo; Bekanntschaft mit dem Bildhauer Richard Scheibe (1879–1964). Hinwendung zur Bildhauerei |
| 1914 | Mitarbeit an Walter Gropius‘ (1883–1969) Modellfabrik auf der Werkbundausstellung in Köln. Zusammen mit Scheibe besucht er kurz vor Kriegsbeginn Paris |
| 1914 | Kriegsdienst in Flandern; Rückkehr als Schwerkranker |
| 1918 | Berufung an die Kunstgewerbeschule in Berlin |
| 1919 | Berufung an das Staatliche Bauhaus in Weimar; dort „Formmeister“ an der Töpferwerkstatt in Dornburg |
| 1925 | Auflösung des Bauhauses in Weimar; Berufung an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle a. d. Saale |
| 1926 | Reise nach Paris |
| 1928 | Reise nach Griechenland |
| 1930 | Stellvertretender Direktor der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein |
| 1933 | Entlassung aus dem Lehramt |
| 1937 | In der Ausstellung „Entartete Kunst“ sind Werke von Marcks vertreten |
| 1938 | Ausstellungsverbot und Beschlagnahmung von Arbeiten in der Galerie Buchholz (Berlin) |
| 1943 | Zerstörung seines Ateliers in Berlin-Nikolassee; Tod eines Sohnes im Krieg |
| 1945 | Berufung an die Kunsthochschule in Hamburg |
| 1949 | Fertigstellung der „Gemeinschaft der Heiligen“ an der Katharinenkirche in Lübeck. Ernst Barlach (1870–1938) hatte den Zyklus vor 1933 angefangen und Marcks als Nachfolger für das Projekt vorgeschlagen |
| 1950 | Übersiedlung nach Köln-Müngersdorf; fortan als freier Bildhauer tätig; USA-Reise |
| 1951 | Marcks entwirft die „Bremer Stadtmusikanten“ als Wahrzeichen für die Stadt Bremen |
| 1955 | Reise nach Südwest- und Südafrika |
| 1969 | Gründung der Gerhard-Marcks-Stiftung in Bremen |
| 1971 | Eröffnung des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen |
| 1981 | Tod am 13. November in Burgbrohl (Eifel) |
Nach seinem Selbstverständnis verband Gerhard Marcks in seinem Werk die beiden wichtigsten Positionen der Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts: Adolf von Hildebrand (1847–1921) und Auguste Rodin (1840–1917). Der deutsche und der französische Bildhauer galten in der deutschen Debatte als absolute Gegensätze, aber Marcks versuchte sie in seinem Werk zu versöhnen. Hildebrand, der Autor des unter Künstler*innen sehr einflussreichen Buchs „Das Problem der Form in der Bildenden Kunst“ (1893) „predigte“ den geordneten Aufbau des Kunstwerks, Rodin dagegen, dass Künstler*innen das Lebendige in der Natur fassen sollten. Marcks entwickelte daraus eine Mischung. Wie Rodin ließ er seine Modelle sich frei bewegen, um dann mit den entstandenen Zeichnungen und (ohne Modell) zu einer vereinfachten plastischen Darstellung zu finden, bei der beobachtete Details den lebendigen Charakter bestimmen.
Die Gerhard-Marcks-Stiftung besitzt eine Reihe von Hauptwerken des Künstlers, die seine zentrale Position in der Geschichte der deutschen Bildhauerei verdeutlichen. Sein „Stehender Mann“ von 1910 ist eine der ersten Plastiken in Deutschland die Aristide Maillol (1861–1944; „Radfahrer“, 1907) zitieren. Die Figur ist daneben mit dem durch das Formprinzip der parallelen Achsen (Schultern, Hüften, Knie) erzwungene unnatürliche Standmotiv ein Beispiel für den Frühexpressionismus in der deutschen Bildhauerei. Während seiner Zeit am Bauhaus (1919–1925) hat Marcks vor allem in Holz und Keramik gearbeitet. Danach legt er seinen Fokus auf Gips und Bronze. 2021 gelang unserem Museum der Ankauf der lebensgroßen „Schreitende Frau mit Tuch“ (1926). Sie war die programmatische erste lebensgroße Bronzefigur, in der er seine Interpretation von Auguste Rodins (1840–1917) berühmten „Schreitenden Mann“ (1900) zeigte. Marcks bildhauerisches Werk ist voll von Verweisen auf historische und zeitgenössische Entwicklungen, so etwa, wenn er 1936 gegen die vorherrschenden faschistischen Bildformeln seinen „Johannes“ gestaltet, der breitere Hüften als Schultern besitzt, oder in seinem „Gefesselter Prometheus“ (1948) auf die damals über Henry Moore (1898–1986) modische Nutzung des Negativraums reagierte.
Als Marcks 1919 an das Bauhaus kam, fing er unter dem Einfluss von Lyonel Feininger (1871–1956) an, sich mit dem Holzschnitt zu beschäftigen. Inspiration fand er in der mittelalterlichen Grafik und in alltägliche Szenen in seiner Umwelt. Seine Holzschnitte der Bauhauszeit werden gemeinhin dem Expressionismus zugerechnet, aber für Marcks ging es genauso wie in seiner Bildhauerei darum, ein Gleichgewicht zu finden, in diesem Fall zwischen einem erzählerischen Motiv und einer dynamischen Flächenaufteilung. Nachdem er sich 1925 dazu entschieden hatte, sich auf seine Bildhauerei zu konzentrieren, brach die Arbeit an Holzschnitten ab. Bis 1946 entstanden sie nur noch vereinzelt, aber danach entwickelte er daraus ein zweites künstlerisches Standbein neben der Skulptur. Mit seinen (vergleichsweise erschwinglichen) Holzschnitten spielte er eine große Rolle für die Entwicklung eines modernen Kunstmarkts in der Bundesrepublik.
Gerhard Marcks war ein Vielzeichner. Wir gehen davon aus, dass er bis zu 100.000 Zeichnungen in seinem Leben gemacht haben muss. Die Gerhard-Marcks-Stiftung besitzt etwa 15.000, darunter die Blätter aus seinem sogenannten Atelierschrank, in dem er seine wichtigen Zeichnungen nach Themen organisiert sammelte. Marcks verstand das Zeichnen als Methode um das Gesehene in eine einfache und prägnante Form zusammenzufassen. Sie war für ihn ein wichtiges Mittel auf dem Weg der Abstraktion. Für seine Skulpturen nahm Marcks oft Blätter aus verschiedenen Zeiten und nach verschiedenen Modellen, um sich bei der Komposition nicht von der Natur ablenken zu lassen.


